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Die Geister die ich rief. Ein Nachruf auf eine Theorie!

Die von Valerius Geist vertretene Theorie einer linearen Eskalation des Wolfsverhaltens in sieben Stufen – von Annäherung über Gewöhnung bis hin zu Angriffen auf Menschen – wird sowohl durch den aktuellen LCIE/LIFE-WILD-WOLF-Bericht als auch durch die umfassenden Studien des norwegischen Norwegian Institute for Nature Research (NINA) deutlich widerlegt. Beide Quellen kommen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass problematisches Wolfsverhalten kein zwangsläufiger, stufenweiser Prozess ist, sondern eine seltene Ausnahme, die an spezifische Bedingungen gebunden ist.

Eine Theorie, die nie belegt wurde!

Der LCIE-Bericht zeigt empirisch, dass bei einer europäischen Wolfspopulation von rund 23.000 Individuen zwischen 2012 und 2022 lediglich 20 Fälle von stark habituieren oder „bolden“ (habituierte Wölfe die keine Scheu dem Menschen gegenüber zeigten und sich diesem annäherten) Wölfen dokumentiert wurden. Die überwältigende Mehrheit der Mensch-Wolf-Begegnungen blieb unproblematisch. Eine automatische Eskalation von Sichtungen über Gewöhnung hin zu Aggression – wie von Geist postuliert – lässt sich daraus nicht ableiten.

Die NINA-Studien zu Wolfsangriffen auf Menschen (u. a. Linnell et al. 2002; Linnell et al. 2021) stützen diese Befunde. Sie zeigen, dass Angriffe auf Menschen extrem selten sind und fast ausschließlich unter außergewöhnlichen Umständen auftreten, etwa bei Tollwut, starker Nahrungsanfütterung, Aufzucht in Gefangenschaft oder langfristiger, intensiver Futterkonditionierung. Entscheidend ist: NINA findet keine Evidenz für eine kontinuierliche Eskalationsabfolge vom „sichtbaren Wolf“ zum „gefährlichen Wolf“. Stattdessen handelt es sich um diskontinuierliche Sonderfälle, meist mit klar identifizierbarer menschlicher Mitverursachung.

Beide Quellen betonen zudem, dass Habituation an sich kein Risikofaktor ist. Eine gewisse Toleranz gegenüber menschlicher Präsenz ist für Wölfe in modernen Kulturlandschaften normal und notwendig. Erst wenn gezielte Attraktoren wie Fütterung, Abfälle oder Hunde hinzukommen, kann sich problematisches Verhalten entwickeln – und selbst dann nicht zwingend aggressiv.

Insgesamt widerlegen LCIE- und NINA-Studien gemeinsam die Eskalationstheorie von Geist als vereinfachendes, angstgetriebenes Modell ohne empirische Grundlage. Statt einer linearen Eskalationslogik zeigen die Daten, dass Wolfsverhalten differenziert, kontextabhängig und stark vom menschlichen Handeln geprägt ist.

Ein aktueller Wolfsforscher schreibt zu Geist folgendes:

Val Geist war Wildlife Prof in Calgary/Kanada und hat an wilden Huftieren in Nordamerika gearbeitet. Nach seiner Emeritierung zog er nach Vancouver Island. Auf der Insel gibt es zumindest zeitweise Wölfe. Dort hat er beobachtet, dass Wölfe lernten, dass unter der Woche bei den vielen Wochenendhäusern keine Gefahr droht, aber Müll verfügbar ist. Dadurch gab es dann wohl einige deutlich habituierte Tiere. Auf der Basis hat er dann seine Theorie entwickelt. Tödliche Unfälle mit Wölfen gab es dort nicht.“

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Wölfe am Spielplatz