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Tirols zweite Wolfsmärchenstunde: 123 tote Tiere auf den Almen – nur 20 eindeutig dem Wolf zugeordnet

Seit Jahren wird die Regulierung des Wolfs mit dem Schutz der Almwirtschaft gerechtfertigt. Der Wolf müsse abgeschossen werden, sonst seien Schafhaltung und Almbewirtschaftung nicht mehr möglich.

Diese Dauererzählung war für uns Anlass genug, die behördlichen Zahlen genauer anzusehen. Und diese Zahlen haben es in sich.

Erst Mirco – und offenbar der falsche Wolf

Erst vor Kurzem berichteten wir über den besenderten Forschungswolf Mirco. Er trug sein GPS-Halsband im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts unter Beteiligung der Universität Sassari, des Nationalparks Dolomiti Bellunesi und der Provinz Belluno.

Gerade dieses Halsband macht den Fall so brisant: Die Standortdaten zeigen, dass Mirco nicht jener Wolf gewesen sein konnte, dessen angebliche Nähe zu Gebäuden die Tiroler Abschussverordnung ausgelöst hatte. Zum Zeitpunkt der maßgeblichen Meldungen befand er sich noch in Südtirol – und damit nicht einmal in Österreich.

Trotzdem wurde später ausgerechnet Mirco auf Grundlage dieser Verordnung als „Risikowolf“ erschossen.

Der Wolf, wegen dem die Verordnung erlassen wurde, war offenbar ein anderer. Getötet wurde Mirco.

Mehr als 24 Natur- und Tierschutzorganisationen haben deshalb Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingebracht. Der Fall zeigt, wie wenig individuell und treffsicher solche Abschussverordnungen offenbar funktionieren: Ein Wolf soll auffällig gewesen sein – erschossen wird ein anderer.

Nun folgt Tirols zweite Wolfsmärchenstunde.

Aufgrund einer Umweltinformationsanfrage übermittelte das Land Tirol detaillierte Daten zu den Schafverlusten aus zwei Monaten.

  • 123 Tiere – aber nur 20-mal eindeutig Wolf
  • Insgesamt wurden 123 tote, verletzte, notgetötete oder vermisste Schafe erfasst.
  • Doch nur bei 20 Tieren kam die Behörde eindeutig zum Ergebnis: Wolf.
  • Das sind gerade einmal 16 Prozent.
  • Kein einziger bestätigter Wolfsfall mit Herdenschutz

Bei keinem der 20 eindeutig dem Wolf zugeordneten Tiere war anerkannter Herdenschutz vorhanden: kein geeigneter Elektrozaun, keine Herdenschutzhunde und keine entsprechende Behirtung.

Die Unterlagen dokumentieren damit keinen einzigen bestätigten Fall, in dem ein Wolf eine nach den geltenden Kriterien geschützte Herde angegriffen hätte.

Und genau mit dem angeblichen Schutz der Almwirtschaft werden seit Jahren immer neue Wolfsabschüsse gerechtfertigt.

Entschädigt werden trotzdem alle 123 Tiere

Obwohl der Wolf nur bei 20 Schafen eindeutig festgestellt wurde, wurden nach den vorliegenden Unterlagen alle 123 Tiere kompensiert.

Da drängt sich eine unangenehme Frage auf: Werden dem Wolf hier auch natürliche Verluste der Almhaltung – etwa durch Krankheit, Absturz, Verenden oder Verschwinden – in die Schuhe geschoben, um Entschädigungszahlungen zu erhalten, die teilweise über dem gewöhnlichen Markt- oder Schlachtwert liegen?

Über diese Entschädigungssätze wurde bereits ausführlich berichtet:

Wie die Politik die Bauern verführt, ihre Tiere ungeschützt zu lassen⁠

Für die Auszahlung genügt offenbar bereits der Verdacht. In der politischen Kommunikation wird daraus dann eine Wolfsbilanz.

Wenn der Schadwolf nicht reicht, kommt der Risikowolf

Auch die österreichischen Abschusszahlen passen nicht zur ständig wiederholten Geschichte vom Schutz der Schafe.

JahrRisikowölfeSchadwölfeohne ZuordnungEntnahmen gesamt
2023104014
202485013
2025128222
2026 bis Juni154120
Gesamt4521369

Seit 2023 wurden damit mehr als doppelt so viele sogenannte Risiko- wie Schadwölfe getötet.

Da drängt sich die Frage auf: War es politisch nicht äußerst praktisch, den Schwerpunkt zu verlagern?

Wenn sich mit belegten Schadwölfen nicht genügend Abschüsse begründen lassen, wird eben der „Risikowolf“ aus dem Hut gezaubert.

Österreichs wundersame Risikowolf-Vermehrung

Doch auch diese Kategorie hält einer genaueren Betrachtung kaum stand.

Das europäische LIFE-WILD-WOLF-Projekt untersuchte Fälle aus den Jahren 2012 bis 2022. In ganz Europa wurden lediglich 20 Wölfe identifiziert, die den fachlichen Kriterien für stark habituierte oder wiederholt auffällig menschennahe Tiere entsprachen.

Österreich tötete dagegen allein 2025 und im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 27 sogenannte Risikowölfe.

Ganz Europa dokumentiert 20 entsprechende Fälle innerhalb eines Jahrzehnts. Österreich erschießt 27 „Risikowölfe“ innerhalb von eineinhalb Jahren.

Das kann nur funktionieren, wenn Österreich unter einem Risikowolf etwas völlig anderes versteht.

Das Risiko wird passend gemacht

Im europäischen Verständnis geht es um seltene Tiere, die sich wiederholt erkennbaren Menschen auf sehr kurze Distanz nähern und tatsächlich auffälliges Verhalten zeigen.

In österreichischen Landesregelungen kann dagegen bereits die Nähe zu Gebäuden, Stallungen oder Viehweiden für eine Einstufung relevant werden. Teilweise kann schon der Nachweis eines Wolfs auf einer Viehweide oder innerhalb eines bestimmten Radius zu menschlich genutzten Bereichen Teil einer Abschussbegründung sein.

In einer nahezu flächendeckend land-, forst- und touristisch genutzten Landschaft kann sich ein Wolf jedoch kaum von A nach B bewegen, ohne irgendwann eine Weide zu queren oder sich einem Gebäude auf weniger als 200 Meter zu nähern.

Die österreichische Definition beschreibt damit nicht zwingend gefährliches Verhalten. Sie kann schlicht einen Wolf erfassen, der sich durch Österreich bewegt.

So wird aus normaler Wolfsbewegung ein behördliches Risiko – und aus diesem behördlichen Risiko ein Abschussgrund.

Die Almwirtschaft als politische Kulisse

Die behördlichen Zahlen treffen die politische Erzählung im Kern.

Wenn nur 16 Prozent der erfassten Tiere eindeutig dem Wolf zugeordnet werden, kein einziger bestätigter Fall Herdenschutz aufweist und die Mehrheit der erschossenen Tiere nicht einmal als Schadwolf geführt wird, dann geht es offensichtlich nicht um eine datenbasierte Rettung der Almwirtschaft.

Es geht um politischen Aktionismus.

Und die letzte Frage richtet sich deshalb an jene, in deren Namen diese Politik angeblich gemacht wird:

Warum lassen sich die Bauern diese Wolfsmärchenstunde noch immer als Schutz ihrer Almwirtschaft verkaufen?

Quellenverzeichnis

1. Amt der Tiroler Landesregierung: Auskunft nach dem Umweltinformationsrecht mit Detailtabellen zu den Schafverlusten im Mai und Juni 2026; der Redaktion vorliegend.

2. Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs:

Entnahmen großer Beutegreifer

3. Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs:

Statusbericht Wolf 2023⁠

4. Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs:

Statusbericht Wolf 2024⁠

5. Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs:

Statusbericht Wolf 2025⁠

6. LIFE WILD WOLF / LCIE: Technischer Bericht zur Definition und Auswertung auffälligen Wolfsverhaltens, Untersuchungszeitraum 2012 bis 2022.

7. ORF Tirol: Berichterstattung zum Abschuss des besenderten Wolfs Mirco und zur Auswertung seiner GPS-Daten.

ORF Tirol – Fall Mirco⁠

8. WWF Österreich: Analyse der GPS-Daten des besenderten Forschungswolfs Mirco.

WWF-Analyse zum Tiroler Abschuss⁠

9. Universität Sassari / Forschungsprojekt Mirco: Wissenschaftliches Monitoring des besenderten Wolfs unter Beteiligung der Universität Sassari, des Nationalparks Dolomiti Bellunesi und der Provinz Belluno.

10. Gemeinsame Beschwerde von mehr als 24 Natur- und Tierschutzorganisationen bei der Europäischen Kommission zum Abschuss des besenderten Wolfs Mirco.

Hier der Brief dazu

11. ANCA: Bericht über Entschädigungssätze, Marktwerte und fehlende Anreize für Herdenschutz.

Wie die Politik die Bauern verführt, ihre Tiere ungeschützt zu lassen⁠

12. Gerichtshof der Europäischen Union: Rechtssache C-601/22 zu den Voraussetzungen für Ausnahmen vom strengen Schutz des Wolfs.

EuGH, Rechtssache C-601/22⁠

2 Kommentare zu „Tirols zweite Wolfsmärchenstunde: 123 tote Tiere auf den Almen – nur 20 eindeutig dem Wolf zugeordnet“

  1. Es ist unfassbar was die Politik und die Jäger sich einfallen lassen die wilden tollen Tiere zu reduzieren oder auszulöschen und der kleine Mann guckt zu und weiß nicht was er tun kann um den Tieren gerecht zu werden. in Spanien ist gerade ein Minister zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden wegen der Machenschaften um die corona-masken das müsste doch überall möglich sein wenn hier Bären und Wölfe geschossen werden um sie auszulösen es ist so traurig unendlich traurig. ich wüsste so gerne was ich tun kann zusammen mit anderen.

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