Die Zahl der Wolfsabschüsse in Österreich hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Allein 2025 wurden laut Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs 22 Wölfe auf Grundlage von Abschussverordnungen getötet – ein Anstieg von 69 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig wurden weitere Tiere illegal geschossen oder tot aufgefunden.
Politisch werden diese Abschüsse häufig als notwendige Maßnahme zum Schutz von Weidetieren dargestellt. Die verfügbaren wissenschaftlichen Daten und die offiziellen Monitoringberichte zeichnen jedoch ein anderes Bild: Abschüsse ersetzen keinen Herdenschutz und ihre Wirksamkeit zur Verringerung von Nutztierrissen ist nicht belegt.
Mehr Abschüsse, aber keine Lösung des Problems
Der Statusbericht Wolf 2025 dokumentiert trotz der stark gestiegenen Zahl an Abschüssen einen deutlichen Anstieg der Nutztierverluste. Österreichweit wurden 2025 insgesamt 1.181 getötete, verletzte oder abgängige Nutztiere registriert. Im Jahr zuvor waren es 726 Tiere gewesen. Besonders die Verluste bei Schafen und Ziegen stiegen massiv an.
Besonders bemerkenswert ist ein weiteres Ergebnis des offiziellen Monitorings: Fast alle genetisch bestätigten Nutztierrisse wurden durch durchziehende Einzelwölfe verursacht. Nur drei Rissereignisse konnten Wölfen aus bekannten Rudeln zugeordnet werden.
Die Daten zeigen damit, dass die Entnahme einzelner Tiere die Ursachen von Nutztierrissen nicht beseitigt. Selbst nach einer deutlichen Ausweitung der Abschüsse blieb die Konfliktsituation bestehen. Die offizielle Statistik liefert somit keinen Nachweis dafür, dass Wolfsabschüsse zu einer nachhaltigen Verringerung von Nutztierrissen führen.
Herdenschutz wirkt – Abschüsse nicht
Während die Wirksamkeit von Abschüssen umstritten bleibt, liegen für Herdenschutzmaßnahmen wissenschaftliche Nachweise vor.
Eine 2026 veröffentlichte Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien kommt zum Ergebnis, dass Schafe und Ziegen auf österreichischen Almen grundsätzlich durch geeignete Herdenschutzmaßnahmen geschützt werden können. Zu diesen Maßnahmen zählen Elektrozäune, Behirtung, Herdenschutzhunde und Nachtpferche. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass Herdenschutz technisch umsetzbar ist, auch wenn dafür organisatorische Anpassungen und ausreichende Unterstützung erforderlich sind.
Die Studie widerspricht damit direkt der häufig geäußerten Behauptung, Herdenschutz sei auf österreichischen Almen grundsätzlich unmöglich. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass Schutzmaßnahmen verfügbar sind und konsequent umgesetzt werden müssen.
Der entscheidende Unterschied ist einfach: Herdenschutz schützt Nutztiere unmittelbar. Der Abschuss eines Wolfs schützt keine Herde. Ein funktionierender Zaun hingegen schützt jede Nacht.
Rechtliche Zweifel an der Abschusspraxis
Auch aus rechtlicher Sicht bestehen erhebliche Fragen.
Ein aktuelles Gutachten zum europäischen Artenschutzrecht verweist darauf, dass die Herabstufung des Wolfs in Anhang V der FFH-Richtlinie nichts daran ändert, dass Entnahmen nur zulässig sind, wenn sie mit der Erhaltung eines günstigen Erhaltungszustands vereinbar sind. Das Gutachten erinnert zugleich daran, dass der Europäische Gerichtshof festgestellt hat, dass sich die Wolfspopulation in Österreich nicht in einem günstigen Erhaltungszustand befindet.
Auch die jüngste Analyse des Umweltrechtlers Arie Trouwborst zu den EuGH-Urteilen über den Wolf unterstreicht, dass der günstige Erhaltungszustand weiterhin der zentrale Maßstab für jede Wolfsbewirtschaftung in Europa bleibt. Dabei sind nicht nur Populationszahlen, sondern auch die langfristige ökologische Funktion und Entwicklung der Population zu berücksichtigen.
Vor diesem Hintergrund erscheint die zunehmende Zahl an Abschussverordnungen zumindest rechtlich fragwürdig.
Vergrämung: Wissenschaftliche Grundlage fehlt
Neben Abschüssen wird von Behörden regelmäßig auf sogenannte Vergrämungsmaßnahmen verwiesen. Aus Antworten auf Anfragen nach dem Umweltinformationsgesetz (UIG) ergibt sich jedoch, dass bislang weder belastbare wissenschaftliche Nachweise für die Wirksamkeit der eingesetzten Methoden noch konkrete Begründungen für deren Notwendigkeit öffentlich vorgelegt wurden.
Gleichzeitig weist die internationale Fachliteratur darauf hin, dass viele als problematisch dargestellte Wolfssichtungen normales Verhalten von Wölfen in modernen Kulturlandschaften darstellen. Sichtungen in der Nähe menschlicher Infrastruktur oder Begegnungen auf größere Distanz sind daher nicht automatisch ein Hinweis auf gefährliches oder auffälliges Verhalten.
Damit stellt sich die Frage, ob Vergrämungen tatsächlich einem wissenschaftlich begründeten Wildtiermanagement dienen oder vielfach eher politische Symbolmaßnahmen darstellen.
Wölfe meiden Menschen
Der europaweite Bericht „Bold Wolf Behaviour“ analysierte zahlreiche Fälle angeblich auffälliger Wölfe. Die Autoren kommen zum Schluss, dass Wölfe Menschen normalerweise aktiv meiden. Tatsächliche Angriffe auf Menschen sind äußerst selten. Gleichzeitig warnen die Wissenschaftler davor, Medienberichte und öffentliche Wahrnehmungen mit wissenschaftlich belegten Risiken zu verwechseln.
Der Bericht zeigt zudem, dass eine gewisse Gewöhnung von Wölfen an menschliche Aktivitäten in dicht besiedelten Kulturlandschaften normal und für das Überleben der Tiere sogar notwendig ist. Nicht jede Wolfssichtung rechtfertigt daher behördliche Eingriffe.
Herdenschutz statt Symbolpolitik
Die offiziellen Daten, die wissenschaftlichen Untersuchungen und die aktuelle Rechtslage weisen alle in dieselbe Richtung: Herdenschutz ist die wirksamste und nachhaltigste Maßnahme zur Verringerung von Konflikten zwischen Wolf und Weidetierhaltung.
Die Monitoringdaten zeigen keinen Nachweis dafür, dass steigende Abschusszahlen zu weniger Nutztierrissen führen. Die wissenschaftliche Forschung belegt hingegen, dass Herdenschutzmaßnahmen technisch umsetzbar und wirksam sind. Gleichzeitig bestehen erhebliche rechtliche Zweifel an einer Praxis, die immer stärker auf Abschüsse setzt, obwohl sich die österreichische Wolfspopulation weiterhin nicht in einem günstigen Erhaltungszustand befindet.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie viele Wölfe noch geschossen werden sollen. Die entscheidende Frage lautet, warum Österreich noch immer nicht konsequent auf jene Maßnahmen setzt, deren Wirksamkeit längst belegt ist.
Der Abschuss von Wölfen ist kein Herdenschutz. Herdenschutz beginnt dort, wo Nutztiere geschützt werden.
